Archive for January, 2007

Web 2.0: Voyeurismus im Zweistromland

Thursday, January 4th, 2007

Saddam Hussein ist hingerichtet worden. Sein Tod ist per Video dokumentiert worden. Das kann mittlerweile jeder Idiot, der ein Foto-Handy mit Videofunktion hat. Mein Kollege Peter Philipp hat einen, wie ich meine, klugen Kommentar über irakische Handy-Voyeuristen und das Web 2.0 geschrieben. Hier sein Kommentar:

“Wir haben es hier keineswegs nur mit einem krassen Beispiel von “Voyeurismus im Zweistromland” zu tun, sondern mit einer Erscheinung, die immer deutlicher auch anderswo zu beobachten ist, wo es ja durchaus auch eine Diskrepanz gibt zwischen humaner Gesetzgebung und dem Rechtsempfinden der Straße.

Es scheint ein Problem der menschlichen Schwäche zu sein, gegen das man mit Gesetzen und Vorschriften alleine nicht ankommt. Und es geht dabei in erster Linie um die Sensationslust der Menschen: Sie fängt bei den Gaffern an Unfallstellen im Straßenverkehr an, setzt sich fort im Erfolg brutaler Kino- oder Fernsehfilme und hat ihren neuen Höhepunkt in selbst-inszenierten Grausamkeiten, bei denen Sensationslust endgültig in Blutrunst übergeht. Zum Beispiel, wenn Jugendliche ein Opfer vor laufender Kamera krankenhausreif schlagen und den Mitschnitt untereinander austauschen.

Neuer Trend: “Private Reporter”

Herstellung und Verbreitung solcher Videos sind heute technisch kein Problem mehr. Als Terrorgruppen in den letzten Jahren die Ermordung von Geiseln dokumentierten oder Selbstmordattentäter ihre letzte Botschaft verewigten, da verwendeten sie dazu noch Video-Kameras – heute machen Mobiltelefone mit Foto- und Videofunktion die Sache leichter. Was eigentlich für Urlaubsschnappschüsse gedacht war, macht aus scheinbar biederen Bürgern Horror-Regisseure.

Und die sich über die Produkte solch kranker Seelen empören, ermuntern diese vielleicht sogar noch zu ihrem Treiben: So werden inzwischen weltweit Zeitungsleser und Fernsehzuschauer aufgefordert, mit ihren Mobiltelefonen als “private Reporter” tätig zu werden. Immer nach dem Motto: Je sensationeller das Foto oder der Videoclip, desto besser. Gegen Honorar, versteht sich.

Hemmschwelle der Zuschauer sinkt

Durch Anstachelung der Geldgier senken bestimmte Medien damit die Hemmschwelle ihrer Leser und Zuschauer. Und merken nicht, dass auch ihre eigene Hemmschwelle immer weiter absinkt, gewisse Grausamkeiten zu veröffentlichen. Meist noch unter dem Vorwand, solches “müsse doch dokumentiert werden” und in Verbindung mit einer immer künstlicheren moralischen Empörung. So ist denn mit Recht viel gegen die Aufnahmen von der Saddam-Hinrichtung zu sagen, sie sollten den Kritikern aber auch Anlass sein, selbst zur Besinnung zu kommen und eigenen Fehlentwicklungen Einhalt zu gebieten.”

So weit mein Kollege Peter Philipp. Merke: Schnelle, schmutzige Videos drehen bringt Kohle. Es wird immer einen kommerziellen Sender geben, der Dir auch die übelste Scheiße abkauft. Und über das Internet, auch dank Web 2.0, wird diese Scheiße so schnell verbreitet wie nie zuvor. Wer es bereut, diesen Mist in die Welt gesetzt zu haben, hat keine Chance. Denn auch Dreck wird im Netz 1:1 und für Jedermann reproduzierbar verbreitet. Sind das die neuen Goldenen Zeiten von Web 2.0?