Hast Du ein Problem?

dhaus1.jpgEin Buch, das man nicht unbedingt haben muss – aber andererseits eine sehr vergnügliche Plauderei über die Wohnbefindlichkeiten der Deutschen. Kapitelweise zu lesen, verkürzt die gefühlte Fahrzeit z. B. in der Straßenbahn enorm. Peter Richter, 1973 in Dresden geboren, ist in einem Plattenbau groß geworden – folglich handelt auch seine Dissertation davon. In seinem Buch schaut er den Deutschen beim Wohnen zu – vom Kinderzimmer bis zum Grab. Er ist oft spöttisch, aber nie diffamierend, hat auch Selbstzweifel, zum Beispiel, was er mit der Wohnung seiner WG machen soll, die von vier auf drei auf zwei auf einen Bewohner geschrumpft ist. Innenarchitekten und Einrichtungs- Berater mag er nicht besonders, weil sie viel mit Psychoanalytikern und Türkengangs gemeinsam haben: Hast Du ein Problem? Nein. Doch. Nein. Bumm. Ikea kommt erstaunlich glimpflich weg, nicht aber das unsägliche Cocooning, das die deutsche Möbelindustrie seit zehn Jahren (bei jeder Pressekonferenz zur Möbelmesse in Köln, ich weiß, wovon er redet!) unverdrossen zum Trend erklärt. Cocooning war eigentlich ein Begriff amerikanischer Soziologen, um den Rückzug tragender Gesellschaftsteile aus dem öffentlichen Leben zu beschreiben. „Der Begriff wurde schlichtweg gekapert und der damit inkriminierte Sachverhalt zu einem Trend umgejubelt.“ Manufactum kriegt auch sein Fett weg: „Eine Art Tchibo-Shop für Leute, die ausdrücklich keine Schnäppchen suchen.“ Der Manufactum-Katalog sei eigentlich eine warenkundliche Lyrik-Zeitschrift, meint Richter: „Wer den durch hat, weiß, dass er nie wieder einen Gedichtband braucht“. Wohnen als Waffe in sozialen Distiktionskämpfen – und als Spiegel der Persönlichkeit: „Was siehst Du, wenn Du in Deine Wohnung hineinschaust? Biografische Geröllhalden, Modeirrtümer und traurige Kompromisse. Du bist das Billy-Regal, das alle haben, die auch mal was Besonderes haben wollten.“ Und schon erkennt sich fast jeder Leser wieder. Peter Richter: „Deutsches Haus – Eine Einrichtungsfibel“, Goldmann-Verlag, 224 Seiten, 18 Euro.

2 Antworten auf “Hast Du ein Problem?”

  1. immekeppel sagt:

    um den werten kollegen nicht schon wieder anschnorren zu müssen, habe ich dieses buch soeben beim weihnachtsmann bestellt - zum selberlesen ;)

  2. rolf sagt:

    Schön, aber ich hätte es Dir auch leihen können. Ist schon ein bisserl älter, das Buch.

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