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Rezession? Warum?
Warnungen vor einer Delle in der Weltkonjunktur werden immer zahlreicher und immer lauter. Kommt es wirklich so schlimm, wie man demnach befürchten müsste? Ich habe da meine Zweifel….
Seit Monaten bereiten uns Experten und Kommentatoren darauf vor, dass die Weltwirtschaft kurz vor einem Abschwung steht. In den USA drohe eine Rezession, in Europa eine deutliche Verlangsamung des Wachstums, und auch in China seien - teilweise politisch gewollt - die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten wohl bald vorbei.
Was die US-Notenbanker zu ihrer jüngsten Zinsentscheidung zu sagen haben, klingt auch nicht gerade beruhigend: Die angespannte Lage auf den Kreditmärkten, der lahmende Immobilienmarkt und die gestiegenen Energiekosten lasteten auf der Konjunktur, erklärte die Fed. Die Finanzmärkte blieben zudem weiterhin deutlich unter Druck. Auch sei die Lage auf dem US-Arbeitsmarkt angespannt. Mit 5,7 Prozent kletterte die Arbeitslosenquote im Juli auf den höchsten Stand seit März 2004. Noch pessimistischer ist der frühere Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan. Er warnte in der “Financial Times” sogar vor einer Jahrhundertkrise und prophezeite, dass noch etliche Banken diese Krise nicht überleben würden.
Rezession sieht anders aus
An pessimistischen Stimmen über die Konjunktur in den USA herrscht zurzeit kein Mangel. Und wenn die Konjunktur in der größten Volkswirtschaft erlahmt, bekommt bekanntlich der Rest der Welt einen Schnupfen. Selbst positive Signale, die darauf hindeuten, dass alles gar nicht so schlimm kommen muss, lassen die Skeptiker nicht gelten. So ist die US-amerikanische Wirtschaft im zweiten Quartal 2008 nach ersten Berechnungen immerhin um 1,9 Prozent gewachsen. Eine Rezession sieht anders aus.
Doch dieses Wachstum sei nur den milliardenschweren Steuergeschenken der Bush-Regierung geschuldet, sagen die Pessimisten. Diese Konsumausgaben würden bald verpuffen, und dann würden die Verbraucher von der Kredit- und Immobilienkrise voll getroffen.
Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Immerhin hat der Weltwährungsfonds angesichts der unerwartet robusten Verbrauchernachfrage in den USA die Wachstumsprognose für die größte Volkswirtschaft der Welt von 0,5 auf 1,3 Prozent angehoben. Angesichts solcher Prognosen von einer Rezession zu sprechen, grenzt schon an Fahrlässigkeit.
Zumal auch von anderer Seite Entlastung kommt. Die Rohöl- und Energiepreise, die weltweit für heftige Inflationsschübe gesorgt haben, bröckeln seit einiger Zeit erheblich ab. Das lässt die Zentralbanken dieser Welt wiederum darauf hoffen, dass die Preisschübe der Vergangenheit eine vorübergehende Erscheinung waren und nicht in so genannte Zweitrundeneffekte münden. Nicht anders ist die Entscheidung der US-Notenbank zu deuten, den Leitzins in den USA unverändert zu lassen. Auch die Europäische Zentralbank hat sich auf ihrer Sitzung am 7. August davor gehütet, mit einer neuerlichen Anhebung der Leitzinsen die erlahmenden Wachstumskräfte zusätzlich zu bremsen.
Autosuggestion
Keine Frage: Jeder Aufschwung kommt einmal zum Stillstand. Zurzeit haben die Pessimisten Hochkonjunktur. Doch angesichts vieler widersprüchlicher Signale schon von einer Rezession zu sprechen, ist verantwortungslos. Wer ständig vor einer Krise und einer drohenden Rezession warnt, verunsichert Verbraucher und Unternehmen - und redet am Ende gar die Krise selbst herbei. Ein Abschwung, den sich alle einreden und den alle erwarten, ist wie eine sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Verbraucher sparen, Unternehmer verschieben ihre Investitionen, Stellen werden abgebaut, die Waren bleiben in den Regalen liegen.
Doch so weit muss es gar nicht kommen. Wirtschaft, so sagte einmal der frühere deutsche Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard, besteht zur Hälfte aus Psychologie. Wenn das stimmt, dann sollten einfühlsame Psychologen ihren Patienten nicht kränker reden, als er ist.
8 Antworten auf “Rezession? Warum?”
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19.8.2008 bei 15:05
Schwer verdauliches Thema für eine Soziologin, die seinerzeit an einer Uni studierte, an der man unter Soziologie eigentlich fast nur „Nationalökonomie“ verstand. Was ich meine kapiert zu haben ist, dass sowohl für die Pessimisten als auch für die Optimisten (die in deiner Sicht der Dinge wohl eher die Realisten zu sein scheinen) der Ölpreis einer der zentralen Punkte ist. Nun, der ist ja gesunken – aber eben der Benzinpreis nicht. Und darüber krieg ich dann an der Tanke die Krise. Hohe Benzinpreise trotz gesunkenem Ölpreis sind mit dem Dollar-Euro-Verhältnis nicht hinreichend erklärbar. Irgendjemand scheint also meine Krisen-Psyche nicht nur durch Sprüche zu beeinflussen …
19.8.2008 bei 16:00
und irgendwann müssen wir entweder die verbleibenen wälder leer jagen und sammeln oder aber - wie anderswo in der weniger zivilisierten welt - uns mit den keulen die köpfe so weit einschlagen, bis wir auf ein gesundes maß an bevölkerung zusammengeschrumpft sind - damit wir dann auch wieder ordentlich wachsen können
19.8.2008 bei 18:36
@g.frank: Das mit dem sinkenden Ölpreis und den weiterhin auf Rekordniveau verharrenden Benzinpreisen hat einen ganz einfachen Grund: Die Amerikaner haben es jahrzehntelang versäumt, in ihrem eigenen Land Raffineriekapazitäten aufzubauen. Sie kaufen am Spotmarkt in Rotterdam kein Rohöl, sondern Benzin. Und diese Nachfrage hält hierzulande trotz sinkendem Rohölpreis die Benzinpreise hoch.
19.8.2008 bei 18:41
@immekeppel: Wenn wir ehrlich sind: selbst Wachstumsraten von null oder 0,1 Prozent oder minus sind nicht besonders tragisch. Deshalb geht es dem Einzelnen doch nicht wesentlich besser oder schlechter. Das ganze findet doch nur in den Medien statt, die jubeln oder vergießen Krokodilstränen. Aber noch haben wir in unseren Wäldern keine Krokodile - was ja wg. Klimawandel durchaus noch kommen kann..
19.8.2008 bei 20:18
Man könnte es also auch anders formulieren und statt “diese Nachfrage hält (…) die Bezinpreise hoch” schreiben: Die Nachfrage macht es den Mineralölkonzernen möglich, die hohen Benzinpreise zu halten und so bei sinkendem Ölpreis noch mehr Reibach zu machen?! Demnach wäre also wieder Nachfrage- bzw. Konsumverzicht das Thema: Verbraucher schnallt den Gürtel enger oder schlagt euch die Köpfe ein - Hauptsache die Nachfrage sinkt oder wie oder was???
19.8.2008 bei 21:14
Mein Credo: Ich finde es richtig, dass die Benzinpreise langsam auf Richtung zwei Euro steigen. Das zwingt uns zu notwedigen Anpassungen in der Energiepolitik und im Verbraucherverhalten. Je eher wir damit anfangen, desto besser. Wenn Du glaubst, das ginge ewig so weiter, dann kauf’ doch Aktien von RoyalDutch, Exxon oder Shell. Meine Prognose: Diese Konzerne machen noch ein paar Jahre exorbitante Gewinne, und dann loosen sie ab und Du kannst Deine Aktien auf den Müll werfen. Das Silicon Valley in der Bay Area schwenkt von IT komplett auf renewables (erneuerbare Energien) um, mit der klaren Ansage: Wir wollen die Deutschen in Sachen Effizienz und Wirkungsgrad überholen. Wer vor fünf Jahren die Aktien der Bonner Solarworld AG gekauft hat, ist heute um 260 Prozent reicher.
21.8.2008 bei 10:07
Wenn du schon so gut Englisch kannst:
„Everything in good measure“ sagen die Engländer.
Also, auf die richtige Mischung kommt es an. Natürlich
darf man im Journalismus keine wichtigen unangenehmen Nachrichten
unter den Teppich kehren. Aber es gibt immer auch gute Nachrichten.
Die kann man dann auch genauso deutlich platzieren, damit die Psyche keine allzu große „Delle“ bekommt – und die Menschen ihrer Arbeit nachgehen können – bis es dann dadurch wieder aufwärts geht.
21.8.2008 bei 20:04
Na ja, das haben natürlich die Kollegen aus dem englischen Programm übersetzt. Ich dachte allerdings, „Everything in good measure“ hieße im Deutschen so etwa: Es kommt auf das richtige Maß an. Das würde ja auch passen, oder?