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Milton Friedman: de mortuis nihil nisi bene

Dieser Eintrag stammt von rolf Am 18.11.2006 @ 21:13 In Zettelkasten, Moneten, Manager und Ethik | Keine Kommentare

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman ist im Alter von 94 Jahren in San Francisco gestorben. Konservative und liberale Wirtschaftswissenschaftler haben ihn als den einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts bezeichnet, der in einem Atemzug mit Giganten wie John Manyard Keynes und Paul Samuelson genannt werden müsse. Ich habe mit dem Mann so meine Schwierigkeiten. Denn für meine Begriffe ist er für sehr viel Elend in der Welt, auch in Deutschland, indirekt verantwortlich.

 

Warum? Friedman war ein Verfechter des freien Marktes, in Ordnung. Er sagte das Scheitern der Wirtschaftspolitik eines Briten Lord Keynes voraus. Dessen Rezepte waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überaus erfolgreich: Die Regierung habe die Pflicht, in einer Rezession als großer Investor aufzutreten, also auch ruhig Schulden zu machen, und in Boomzeiten habe sie die Pflicht, auf die Bremse zu treten, um Inflation zu vermeiden, sagte Keynes. Sein Rezept, in Krisenzeiten die Staatsausgaben massiv auszuweiten, half z.B. England viel schneller aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 heraus, während zur gleichen Zeit in Deutschland Reichskanzler Heinrich Brüning eine brutale Spar- und Deflationspolitik betrieb, die Deutschland noch viel tiefe in die Krise trieb (und damit auch Soziopathen wie Adolf Hitler den Boden bereitete).

 

Friedman vertrat genau die gegenteilige Position: Die Regierung solle ihre Finger aus der Marktwirtschaft heraus halten, ganz im Sinne eines Adam Smith, des schottischen Ökonomen aus den 18. Jahrhundert („invisible hand“). Das einzige, worüber der Staat die Kontrolle behalten müsse, sei die Versorgung der Wirtschaft mit Geld. Der so genannte Monetarismus war geboren. Friedman sagte voraus, was es nach Keynes gar nicht geben konnte: steigende Arbeitslosigkeit bei steigender Inflation, oder auch „Stagflation“, ein stagnierendes Wirtschaftswachstum bei steigender Inflation. Diese Voraussagen haben ihm 1976 den Wirtschaftsnobelpreis eingebracht, während der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt noch glaubte: „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslose“.

 

Friedman hat sich immer aus der Politik heraus gehalten, er war nie Politikberater – trotzdem war sein Einfluss und der seiner Jünger an der University of Chicago enorm. Seine Lehren haben die Leute übernommen, die den Republikaner Ronald Reagan in den USA und die konservative Margret Thatcher in Großbritannien beraten haben. Und die haben Friedmans Rezepte nicht nur übernommen, sondern auch auf die Spitze getrieben und damit auch ein Stück weit pervertiert. Plötzlich ging es nicht nur um die Forderung: Staat, halt Dich raus, behalte nur die Kontrolle über die Geldversorgung der Wirtschaft. Plötzlich hieß es: Staat, befreie die Wirtschaft von allen Fesseln, schaffe den Kündigungsschutz ab, senke die Unternehmenssteuern, lass’ ruhig eine Lohnspirale nach unten zu.

 

Seit 30 Jahren wird diese unsägliche Politik auch in Deutschland betrieben. Ihre Erfolglosigkeit im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist evident. Deshalb wird es Zeit, den Chicago-Boys Einhalt zu gebieten. Natürlich: Nichts darf übertrieben werden. Im Nachgang zu Keynes haben die Gewerkschaften in Deutschland in den 70er Jahren absurde, zweistellige Lohnforderungen durchgesetzt. Im Nachgang zu Friedman haben die Unternehmen wahre Orgien der Massenentlassung und Gewinnsteigerung gefeiert – auf Kosten der Massenkaufkraft und der privaten Nachfrage. Ob das Milton Friedman gewollt hat?

 

De Mortuis Nihil Nisi Bene.

 

 


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